Ich wollte schon immer mal auf der Semois paddeln
08/06/2025
Dazu gibt die Vereinsfahrt im Juni Gelegenheit. Ich habe gehört, die Semois sei ein spritziger Kleinfluss in den belgischen Ardennen in landschaftlicher Traumlage. In der Wallonie spricht man französisch. Also graben wir sechs Paddler/innen vom DSW und vier Gäste aus anderen Vereinen unsere Französischkenntnisse heraus und bestellen am Ankunftsabend natürlich Crêpes salées.
Nach einer entspannten Nacht auf dem idyllisch gelegenen Campingplatz klet-tern zehn Kanuten an der Einsatzstelle in ihre Boote. Gut, ein bisschen mehr Was-ser im Fluss wäre schon schön, denke ich noch, da rumpelt mein für Wuchtwasser gemachtes Boot auch schon auf einen Stein und bleibt stecken. Eine für Paddler unangenehme Situation. Schließlich haben sich DSWler bei der Bootstaufe dieser Kanus vor vielen Jahren „immer eine handbreit Wasser unter dem Kiel“ gewünscht. Neben mir stranden noch drei weitere Boote. Die weiter hinten Fah-renden sind gewarnt und suchen nach einer Passage, die etwas mehr Tiefgang verspricht.
Ich versuche, mich ganz leicht zu machen, ruckle mein Boot frei und setze die Fahrt fort. Das Wasser der Semois ist moorig braun, gleichzeitig aber recht klar. Ich kann unzählige Fische unter mir vorbeihuschen sehen. Besonders groß er-scheinen sie mir, ich tippe auf Forellen. Huch, wieder ein Stein! Ich setze erneut auf dem Grund auf. Mit beiden Händen drücke ich mich mitsamt dem Boot über die flache Passage. Immerhin muss ich nicht aussteigen. Das Wasser ist angenehm warm. Also für mich. Den Fischen muss es langsam heiß werden, überlege ich.
Die Landschaft auf unserer ersten Etappe ist komplett unverbaut. In weiten Schleifen mäandriert die Semois durch die waldigen Hügel der Ardennen gen Westen, bis sie auf die Maas trifft. Heute sehen wir am Ufer kein Zeichen der Zivilisation. Kein Dorf, keine Straße Ups! Da war wieder ein Stein. Ich muss unbedingt besser aufpassen, darf den Verlauf des wenigen Wassers nicht aus den Augen lassen oder gar meinen Gedanken nachhängen. „Wenn wir nur zehn Zentimeter mehr Wasser hätten!“, rufen wir uns gegenseitig zu. Bei einen Meter mehr Wasser, wäre das hier sogar eine spritzige Angelegenheit. Mit Wellen, Schwällen und Kehrwässern, aus denen sich durchaus – hoppala, schon wieder einer – die ein oder andere Spielstelle für unsere Wildwasserboote ergeben würde. Ein paar Steinwurfwehre sorgen außerdem für eine abwechslungsreiche Fahrt.
Da in Belgien Fronleichnam kein Feiertag ist, sehen wir heute auch keine anderen Menschen. Wegen des niedrigen Pegels beenden wir die Fahrt schon nach elf Kilometern. Einige bedau-ern dies, hätten sie doch gerne einen Flusspunkt (für 15 Paddelkilometer) bekommen. Doch ich bin ganz froh und sitze ein letztes Mal kurz vor der Ausstiegsstelle fest. Da wir ohnehin gleich da sind, laufe ich kurzerhand die letzten Meter durch die Semois, das Boot im Schlepptau.
An den nächsten beiden Tagen müssen wir weit anfahren, um überhaupt paddeln zu können. Das ist schade, liegt unser Campingplatz doch direkt an der Semois und natürlich wollten wir hier ein- bzw. aussetzen. Stattdessen booten wir heute in der Stadt Bouillon ein. Während wir auf die Autofahrer warten, die den Hänger versetzen,
können wir unseren Blick nicht von der großartigen Kulisse wenden: Über uns und dem Fluss thront die spektakuläre Festung von Bouillon. Seit tausend Jahren schon wacht über die Schleife, die die Semois hier macht.
Bei schönstem Sommerwetter paddeln wir los. Heute ist es weniger einsam. Oft treffen wir auf Angler, die sich im Fliegenfischen üben. Das Ufer ist mit Wochenend-häusern gesäumt. Dann gibt es aber auch wieder bewaldete Abschnitte. Der flutende Hahnenfuß, eine Pflanze, die in Fließgewässern wächst, steht in voller Blüte und verwandelt die Wasseroberfläche in einen weißen Blütenteppich. Wir bleiben stecken. Immerhin nicht aufgrund von Steinen. Und sehr malerisch ist es in so einem Blütenmeer obendrein. Was macht es da schon, wenn man hin und wieder anschieben muss?
Im Tagesverlauf ist es richtig heiß geworden und wir nähern uns dem Ende der Tour. Im Wasser lagern jetzt immer mehr Menschen. Sie nehmen ein Sitzbad oder liegen einfach auf dem flachen Flussbett
und lassen sich umspülen. Wir suchen eine freie Durchfahrt durch Schwimmringe, Luftmatratzen und aufblasbare Ein-hörner. Unzählige Leihkanus beenden hier ebenfalls ihre Fahrt und werden auf Hän-ger geladen, um morgen die gleiche Tour wieder zu machen. Auch wir zurren unse-re Boote auf dem Vereinshänger fest. Für uns allerdings ist die Tour auf der Semois beendet.
Aus Ermangelung französischer Chansons (zweifellos passender, aber auch schwieriger zum mitsingen) legt Johannes kalifornische Schlager auf. So eine Paddeltour erfolgreich gemeistert zu haben, macht euphorisch. Nur so kann ich mir erklären, warum wir vier Mitfahrer/ innen aus vollem Herzen und lauter Kehle die komplette Playlist von California Dreaming mit schmettern. Johannes erträgt alles stoisch und setzt uns nicht an der nächsten Kehre aus. Das ist schön.
Ich wollte schon immer mal auf der Semois paddeln. Das hat sich jetzt geändert. Ich will unbedingt mal auf der Semois paddeln – wenn sie richtig viel Wasser hat.
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