Magische Lofoten

28/07/2025

Was zieht immer mehr Menschen in den Norden anstatt in den Süden? Ist es das phantastische Nordlicht in den Winternächten oder die Mitternachtssonne, die im Sommer nicht untergehen will? Für uns Wassersportler kommt noch ein weiterer Grund hinzu: Es locken schier grenzenlose Seenlandschaften, wilde Flüsse und herrliche Küsten. Einer dieser nordischen Sehnsuchtsorte sind die Lofoten, eine Inselgruppe nördlich des Polarkreises, die mit ihrer Schärenküste vor zackiger Bergkulisse ein überwältigendes Naturschauspiel und einmaliges Seekajakrevier bietet. Für eine kleine Gruppe der Wassersportabteilung ging diesen Sommer der Traum in Erfüllung, einmal in dieser magischen Landschaft zu paddeln.

Die Vorfreude ist groß, als bei unserer Anreise per Schiff die bizarre Bergkette der Lofoten aus dem Dunst auftaucht. Hier wollen wir die nächsten vierzehn Tage verbringen und mit unseren Booten zwischen Inseln und Fjorden vagabundieren. Die Wettervorhersage verheißt bestes Paddelwetter. Das ist in diesen Breiten nicht selbstverständlich. Es kann stürmen und regnen, bis in den Mai hinein sogar schneien. Ausgedehnte Schneeflächen auf den Bergen deuten an, dass auch die Temperaturen im Sommer oftmals nur zwischen zehn und fünfzehn Grad liegen. Doch wir haben Glück. Es ist so warm, dass Neo und Trockenanzug im Koffer bleiben können. Immerhin ist das Wasser erfrischend, sodass wir bei unseren Pausen immer wieder Abkühlung an einsamen Sandstränden oder felsigen Klippen suchen. Lediglich der Wind ist unberechenbar und launisch. Er zwingt uns bisweilen dazu, bei unserer Tourenplanung den Schutz von Inseln oder ruhigeren Fjorden zu suchen. Windstärke, Windrichtung, Tide, Meeresströmungen, all das ist Grundlage jeglicher Tourenplanung für einen Seekajaker. Hier im hohen Norden kommt uns allerdings zugute, dass die Tage im Sommer endlos sind. Es ist vierundzwanzig Stunden lang hell. Das heißt, ob wir mit unserer täglichen Tour morgens starten, nachmittags oder um zehn Uhr abends, ist völlig egal. Und so sind wir nach einer längeren Paddeltour am ersten Tag so begeistert von diesem Erlebnis, dass wir gleich noch eine kleine Mitternachtsrunde entlang der Küste anschließen. Im Hafen von Svolvær, der „Lofotenhauptstadt“ passieren wir eines der Hurtigrutenschiffe, die wir in den folgenden Tagen immer wieder treffen werden. 

Zunächst erkunden wir die Ostküste des Archipels zwischen Kabelvåg, unserem Standquartier, und Henningsvær, dem malerisch auf mehreren Inseln gelegenen touristischen Zentrum und Hauptort der Lofotfischerei. Dabei begegnen uns immer wieder Orcas, die ganz in der Nähe auf Jagd sind. Wir sehen ihre markante Rückenflosse und hören das Schnauben, wenn sie zum Atmen auftauchen. Mit unseren Booten sind wir keine adäquate Beute für sie. Trotzdem fasst so mancher sein Paddel fester, denn die Vorstellung, dass diese bis zu acht Meter langen Meeressäuger uns mitsamt unseren Kajaks in die Luft heben könnten, ist nicht so angenehm. Immerhin ist es beruhigend zu wissen, dass die etwas kleineren Orcas im Nordpolarmeer bisher noch nie einen Menschen angegriffen haben.

Einmal queren wir einen der langgestreckten Fjorde. Die anfänglich nur leichte Brise wird immer stürmischer. Ein kräftiger Wind pfeift von den Bergen herunter und schiebt hohe Wellen mit Schaumkronen vor sich her. Es wird langsam ungemütlich, und wir beschließen, unsere Tour abzubrechen. Am nächsten Tag liegt der Fjord wieder ganz friedlich und spiegelglatt da, so als wolle er uns einladen, es noch einmal mit ihm zu probieren. Das tun wir an einem der nächsten Tage auch. Dieses Mal zeigt er sich von seiner besten Seite. Wir verlieren uns im Labyrinth seiner Inseln, baden an einem karibisch weißen Sandstand und sind Zeugen einer vielfältigen Tierwelt: Ein Otter beobachtet uns scheu, bevor er abtaucht. Ganze Scharen von Seeadlern bevölkern die Felsenküste oder kreisen in der Luft. Das Wasser ist kristallklar. Riesige Tangwälder bedecken den Meeresboden. Wir müssen auf Ebbe und Flut achten, denn manche Passage zwischen den Inseln, die eben noch fahrbar war, liegt plötzlich trocken und zwingt uns zu einem Umweg. Auf dem Rückweg frischt der Wind wieder auf. Erste Schaumkronen werden sichtbar. Das heißt, wir müssen kreuzen, um nicht die Wellen von der Seite abzubekommen.

Doch wir erreichen unbeschadet wieder das andere Ufer des Fjords und freuen uns beim Aussteigen, dass inzwischen erneut die Flut eingesetzt hat, so dass wir unsere Boote nicht weit bis zum Strand tragen müssen. Überhaupt werden unsere Tagestouren maßgeblich von Ebbe und Flut bestimmt. Denn immer wieder gibt es enge Passagen zwischen den Inseln, wo starke Strömung herrscht, die die Durchfahrt in die eine oder andere Richtung erschwert

Westküste besonders gut zu beobachten ist. Magische Momente, wenn die rötliche Sonnenkugel kurz den Horizont berührt, um dann wieder hochzusteigen und ihren Weg am Himmel fortzusetzen.Eine ganz besondere Tour erwartet uns bei der Fahrt durch den Raftsund im Norden der Lofoten. Diese Meerenge trennt die Inselgruppe vom Festland und den weiter nördlich gelegenen Vesterålen. Einer der faszinierenden Nebenarme ist oder sogar unmöglich macht. Das merken wir auch bei einer Tour an der Westküste. Hier gibt es einen Fjord, dessen einzige Verbindung zum Meer eine knapp hundert Meter breite Engstelle bildet, durch die je nach Tide das Wasser wie bei einem Wildfluss rauscht. Eine Befahrung ist dann nur in einer Richtung möglich. Abends genießen wir die Mitternachtssonne, die an der der berühmte Trollfjord, ein von hohen Felswänden umgebener, etwa zwei Kilometer langer Nebenarm. Die Einfahrt in dieses Naturschauspiel darf auf keiner der Reisen mit Hurtigruten fehlen und gehört natürlich auch für uns zu den Höhepunkten unserer Lofotentour. Eindrucksvoll, zwischen den steil aufragenden Felsen hindurch zu paddeln, vorbei an einem Wasserfall, der vom 450 Meter höher gelegenen Bergsee gespeist wird.
Hinter der engsten, nur etwa fünfzig Meter breiten Stelle weitet sich der Fjord wieder, so dass die Schiffe wenden können. Wir suchen uns einen flachen Felsen, wo wir gut anlanden und baden können. Hier warten wir auf die Ankunft des Postschiffs, das sich immer am späten Nachmittag durch die schmale Einfahrt zwängt. Eine Gruppe Schweinswale spielt im Fjord und stiehlt fast dem Hurtigrutendampfer die Schau. Doch dann sehen wir die „Nordnorge“, die sich langsam um die enge Biegung hinein in den Fjord schiebt. Sämtliche Passagiere stehen an Deck und verfolgen das Schauspiel. Wir auf unserem Felsen werden genauso bestaunt wie die Schweinswale, die rund um den Dampfer ihr Wasserballett aufführen. Faszinierend auch zu sehen, wie das große Schiff fast auf der Stelle dreht und den Trollfjord langsam wieder verlässt. Ein unvergessliches Erlebnis nicht nur für die staunenden Passagiere an Bord. Auch wir steigen beeindruckt wieder in unsere Boote. Wir wollen draußen auf der anderen Seite des Raftsunds zurück fahren. Noch ist es sonnig, doch dichte Wolken lassen ahnen, dass sich das Wetter bald ändern könnte. Tatsächlich frischt der Wind auf. Zunächst können wir uns im Schatten der Inseln bewegen. Doch dann wird der Fjord breiter und stürmischer. Direkt zum schützenden Ufer zu fahren würde bedeuten, die Wellen voll von der Seite abzubekommen. Also entschließen wir uns, den Fjord längs zu queren mit Wind und Wellen von achtern. Das heißt, kräftig zu paddeln und sich durch die von hinten anrollenden Wellen nicht aus der Balance bringen zu lassen. Aber immerhin haben wir inzwischen doch einige Übung und Erfahrung mit stürmischem Seegang und erreichen unseren Ausgangspunkt in einer Bucht des Raftsunds ohne Kenterung und ein bisschen stolz über unser gewachsenes seemännisches Können.
Das Wetter bleibt schön, kein Regen in Sicht. Temperaturen zwischen fünfundzwanzig und dreißig Grad, während es zu Hause in Deutschland stürmt und regnet. Erste neidvolle Kommentare aus der Heimat erreichen uns. Wer hätte gedacht, dass uns hier oben im hohen Norden derart sommerliche Temperaturen erwarten. Allerdings zeigt uns der Wind immer wieder unsere Grenzen auf. Aber an solchen Tagen suchen wir mit unseren Booten eben ruhigere Gewässer wie den idyllischen Olderfjord im Süden der Insel Austvågøy. Eingebettet zwischen hohen Felswänden erwartet uns hier eine phantastische Ruhe. Nach wenigen Paddelschlägen weichen die vereinzelten Hütten einer grandiosen Uferlandschaft mit steilen Berghängen, Geröllhalden und dazwischen dichtem Baumbewuchs. Vom Kamm schieben sich Nebelschwaden talwärts, die sich dabei langsam auflösen. Der blaue Himmel spiegelt sich im kristallklaren Wasser. Am Ende des Fjords mündet ein Fluss, in dem Lachse springen. Eine kleine Hütte am Ufer lädt zum Picknick ein. Paradiesisch! Wir fühlen uns wie in Kanada. Ein schöner Abschluss, denn am folgenden Tag kündigt sich ein Wetterumschwung an, der nur kurze, spontane Kajaktrips entlang der Küste zwischen den Inseln erlaubt. Doch unsere Zeit ist ohnehin um, und wir haben in diesen zwei Wochen so viel gesehen und erlebt, dass es eigentlich kein Highlight mehr gibt. Etwas wehmütig treten wir den Rückweg nach Süden an. Aber die Magie der Lofoten hat uns gepackt. Schade nur, dass man Mitternachtssonne und Polarlicht nicht gleichzeitig erleben kann. Vielleicht sollten wir im Winter wiederkommen.

Text: Johannes Kollmann

Letzte News

  • 10/05/2026

    50. Rheinmarathon 2026

  • 13/04/2026

    Endlich Ferien!

  • 11/04/2026

    Sicherheitstreff Boote verladen