Immer wieder Boppard
30/08/2026
Wenn im DSW etwas Tradition hat, dann sind es die Fahrten nach Boppard. Schon seit Jahrzehnten gehört für die Wassersportler die alljährliche Herbsttour bis Boppard zu den Höhepunkten der Wassersportsaison. Nicht nur, weil die Strecke vom Bootshaus rheinabwärts mit gut einhundert Kilometern durchaus anspruchsvoll ist. Einen ganz besonderen Klang hat der Name „Boppard“ auch deswegen, weil die Fahrt dorthin, gemeinsam mit den anderen Kanuvereinen unseres Bezirks Altrhein, schon immer ausgesprochen gesellig und ereignisreich verlief. Die Übernachtungen auf dem Campingplatz in Trechtingshausen sind legendär. Hier wurde all die Jahre nicht nur regelmäßig Zwischenstation eingelegt, sondern, umgeben von Reben, auch nächtelang gezecht und gesungen. Sogar ein eigenes „Boppard-Liederbuch“ entstand zu diesem Zweck, anhand dessen Inhalt ganze Generationen holländischer Campinggäste, die sich begeistert dem Gesang anschlossen, ihre Deutschkenntnisse erweiterten. Meist gab es musikalische Begleitung durch Gitarren, Zieh- und Mundharmonikas, so dass die Musik aus dem Schatten der über dem Platz gelegenen, bengalisch angestrahlten Burg Reichenstein weithin durchs enge Rheintal erschallte. Wenn dann auch noch einer der hell beleuchteten Ausflugsdampfer den Fluss entlang glitt, war das immer Rheinromantik pur. Diese Zeiten sind leider seit einigen Jahren vorbei. Für viele ältere Mitglieder ist die Strecke inzwischen zu anspruchsvoll, für Jüngere noch zu schwierig, und manch einer mag keine solch langen Touren, schon gar nicht mit Übernachtung im Zelt. Für diejenigen aber, die einmal dabei waren, hat sie einen ganz besonderen Reiz, führt diese Fahrt doch entlang der schönsten Abschnitte des Mittelrheins und verbindet puren Paddelgenuss mit Geselligkeit. In diesem Jahr hatte Martin Goedecke die Aufgabe übernommen, in Kooperation mit dem Bezirk die Boppardfahrt zu organisieren. Seinem Aufruf waren immerhin 17 Mitglieder gefolgt. Bei den Vorbesprechungen wurde allerdings schnell klar, dass viele sich den traditionellen ersten Abschnitt mit 67 Kilometern vom Bootshaus bis Trechtingshausen nicht zutrauten, weshalb die Fahrt auf drei Tage mit einer zusätzlichen Übernachtung in Wiesbaden gestreckt wurde. Start: Freitag, den 28. August.
Dann ist es wieder einmal so weit. Morgens trifft sich die Gruppe voller Tatendrang. Einige haben im Bootshaus übernachtet, um ja die Abfahrt nicht zu verpassen. Die ersten Kilometer auf dem Altrhein sind noch etwas anstrengend. Durch das sommerliche Niedrigwasser haben sich große Algenteppiche gebildet, die es zu umschiffen gilt. Aber mit Erreichen der Nordspitze öffnet sich der Horizont, und die Strömung des Rheins erfasst die Boote. Allerdings ist auf dem Strom besondere Vorsicht geboten, denn noch immer herrscht extremes Niedrigwasser. Das heißt, zwischen den weithin trockenen Uferzonen und den das Fahrwasser begrenzenden Tonnen liegen oft nur wenige Meter. Dazwischen Buhnen mit tückischen Strömungen oder auch mal eine größere Sandbank. Bei Begegnung mit den großen Frachtschiffen entstehen hier mitunter auch hohe Wellen, die ein Boot zum Kentern bringen können. Und der Schiffsverkehr ist erheblich, auch wenn noch immer die meisten Frachter nicht voll beladen fahren können. Zum Glück schiebt der Wind von hinten, so dass es flott vorangeht. Oppenheim, Nierstein, Nackenheim – vorbei an berühmten Weinlagen geht es flussabwärts. Immer wieder ertönen aus den Weinbergen Böllerschüsse. Nicht als Begrüßung der Paddler, sondern sie sollen die Schwärme von Staren vertreiben, die sich an den reifen Beeren laben wollen. Nach einer kurzen Rast auf der Insel Kisselwörth kommt schon Mainz in Sicht. Dreißig Kilometer sind geschafft, das erste Etappenziel beim Wiesbadener Kanuclub nicht mehr weit. Allerdings baut sich gerade im Westen eine riesige schwarze Wolkenwand auf. Da heißt es kräftig paddeln. In Windeseile sind die Zelte aufgebaut. Doch der Regen verzieht sich zum Glück wieder, und so können wir den ersten Tag unserer Boppardtour gemütlich bei einem Bier auf der Terrasse ausklingen lassen.
Am nächsten Tag hat sich der Wind gedreht und bläst uns kräftig durch das breite Mittelrheintal entgegen. Trotz der zunehmenden Strömung geht es deshalb langsam voran. Teilweise bauen sich hohe Wellen auf. Gischt spritzt. Zahlreiche Segelboote nutzen die steife Brise und kreuzen flussaufwärts. Harte Paddelarbeit ist angesagt. Bei einer Rast auf dem Ingelheimer Sand können wir die akrobatischen Einlagen der Surfer bewundern, die von einem Ufer des hier sehr breiten Flusses zum anderen flitzen. Dann kommt Rüdesheim in Sicht. Während hier normalerweise zahllose Kreuzfahrtschiffe vertäut liegen, deren Passagiere Drosselgasse und Niederwald-Denkmal stürmen, dümpelt heute nur ein alter Schleppkahn vor sich hin. Auch der Tourismus ist dem Niedrigwasser zum Opfer gefallen. Gegenüber in Bingen ist mehr los. Dort ist an diesem Wochenende Jahrmarkt. Musik schallt herüber. Hinter der Nahemündung wandert der Blick zum Mäuseturm, der eigentlich auf einer Insel im Rhein steht. Jetzt kann man ihn zu Fuß erreichen. Aber Achtung! Hier im berüchtigten Binger Loch heißt es besonders vorsichtig zu sein, denn überall lauern unter Wasser große Felsbrocken, denen auszuweichen bei der starken Strömung nicht immer einfach ist. Einige Frachter kämpfen sich flussaufwärts und lassen uns wenig Platz für größere Manöver. Die Canua-App, die auf dem Handy unsere Geschwindigkeit misst, wird später bis zu 15 Stundenkilometer an dieser Stelle anzeigen. Ganz schön flott! Hinter dieser Engstelle weitet sich der Fluss wieder. Dafür müssen ausladende Sandbänke umschifft werden. Rechts die berühmten Rotweinlagen von Assmannshausen. Ein paar Kilometer noch bis zum Campingplatz in Trechtingshausen, dann ist auch die zweite Etappe geschafft. Mit etwas Verspätung kommen auch die drei Paddler an, die die Strecke vom Altrhein bis hierher an einem Tag gefahren sind. 67 Kilometer. Eine sportliche Leistung bei so starkem Gegenwind.
Leider ist der Campingplatz in den letzten Jahren durch mehrere Pächterwechsel etwas verwahrlost und nicht mehr so einladend wie früher. Auch das angebotene Essen lässt zu wünschen übrig, und die Preise sind kräftig gestiegen. Darunter leidet die Begeisterung etwas. Einige haben deshalb auf Selbstverpflegung umgestellt. Aber immerhin werden noch kühles Bier und Rheinwein serviert, so dass man am Abend doch noch länger zusammensitzt, auch wenn die Gesänge nicht mehr ganz so laut erschallen wie früher.
Eine Kenterung beim Einstieg verzögert die Abfahrt am nächsten Morgen nur unwesentlich. Wassersport ist eben manchmal nass. Dann aber geht es mit etwas Verspätung los Richtung Loreley. Hier reihen sich zu beiden Seiten des Flusses imposante Burgen aneinander, umgeben von steilen Weinbergen. Wir passieren Lorch, dann Bacharach, steuern auf die trutzhaft im Fluss liegende Pfalz bei Kaub zu. Hier befindet sich bei diesem Niedrigwasser die kritischste Engstelle am Mittelrhein, die verhindert, dass größere Schiffe weiter rheinaufwärts gelangen. Unsere Nussschalen spült die Strömung einfach an dem imposanten Bauwerk vorbei Richtung Oberwesel mit seiner den Ort überragenden Burg. Jetzt wird das Tal wieder enger, felsiger. Auch die Strömung wird stärker. Noch zwei enge Kurven, und wir sehen die Loreley vor uns. Der Anblick des mächtigen Felsens ist immer wieder beeindruckend. Zum Glück ist hier gerade wenig Schiffsverkehr, so dass unsere Gruppe diese Engstelle unbeschadet überwinden kann. Ein Blick nach oben. Die Jungfrau mit dem blonden Haar macht wohl gerade Urlaub, und singen müssen wir selber. Nicht immer in der Vergangenheit war die Loreley so gnädig mit uns. Vor einigen Jahren kenterte kurz hinter dem Felsen bei Gegenverkehr unser großer Kanadier mit neun Besatzungsmitgliedern. Zum Glück konnten sich alle retten und niemand kam ernsthaft zu Schaden. Aber noch immer bietet dieses Ereignis Gesprächsstoff in den Reihen des DSW. In Sankt Goar wartet schon die traditionelle Rast an der Pommesbude auf uns. Wir belohnen uns mit einem ausgiebigen Vesper und steigen danach gekräftigt wieder in die Boote.
Wir sind im „Burgenland“. Burg Katz und Maus grüßen rechtsrheinisch, gefolgt von den „Feindliche Brüder“ genannten Festungen bei Bad Salzig. Der Blick von dort oben auf den sich dahinschlängelnden Fluss ist sicherlich beeindruckend. Wir nähern uns unserem Ziel. Am rechten Ufer wirbt Kamp Bornhofen mit seinem Wallfahrtskloster. Vielleicht lockte da auch noch eine Klosterschänke? Aber wir machen ja schließlich keine Wallfahrt, sondern eine Kanutour, und die findet leider ein paar Kilometer weiter in Boppard ihr Ende. Noch eine letzte Querung hinüber auf die andere Flussseite, dann landen wir nach 103 Kilometern an. Geschafft! Erneut hat uns die Boppardtour begeistert. Danke Martin für die gute Organisation. Wieder einmal hat sich gezeigt: Die Tradition lebt!
Text/Bilder : Johannes Kollmann
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